Christen im Nationalsozialismus - 2

Christlicher Antisemitismus in seiner geschichtlichen Entwicklung

Verantwortung für die Zukunft

 

Name: ____________________ Datum: _________

 

Die evangelische und katholische Kirche in Deutschland

1933-1945

 

 

Im Jahr 1933 veränderte sich in Deutschland die politische Lage radikal, denn die Nationalsozialisten zögerten nicht, nach gewonnener Wahl ihre politischen Gegner mit Gewalt auszuschalten. Parallel hierzu wurde die gesamte Gesellschaft diktatorisch verändert, indem der NS - Staat begann, in allen Lebensbereichen und für alle Vereine und Organisationen Richtlinien aufzustellen. Das Ziel hieß: Für Führer, Volk und Vaterland.

Das kirchliche Leben war aus dieser Entwicklung nicht heraus genommen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die evangelischen Kirchen in Deutschland

Bereits 1932 hatten sich Parteimitglieder der NSDAP und andere ihr nahe stehende Personen deutschlandweit zusammengeschlossen, um in den evangelischen Kirchen Einfluss zu gewinnen. Sie nannten sich: Glaubensbewegung Deutsche Christen. Ihr Ziel war es, Christentum und Nationalsozialismus zu einer neuen Einheit zu verschmelzen. Ein deutscher Glaube sollte entstehen.

Im Zusammenhang mit dem Erstarken der nationalsozialistischen Partei wurde diese Gruppe so stark, dass sie 1934 bei Kirchenwahlen in vielen Landeskirchen die Macht erringen konnte. So wird von da an in vielen evangelischen Gottesdiensten im nationalsozialistischen Geist gepredigt.

Innerhalb der evangelischen Landeskirchen formierte sich aber von Anbeginn an eine Gegenbewegung: die Bekennende Kirche. Sie lehnt vehement jeden Einfluss des Staates auf die Kirche und in der Kirche ab. So ist es für sie klar, dass Juden, die christlich getauft sind, vollwertige Gemeindeglieder sind. Die Deutschen Christen hingegen vertreten das rassistische Programm der Nationalsozialisten und fordern eine „judenfreie“ Kirche.

Die evangelischen Kirchen in Deutschland konnten zwischen 1933 und 1945 nicht total gleichgeschaltet werden. Der Einfluss der Glaubensbewegung Deutsche Christen trat sogar mit der Zeit immer mehr zurück. Allerdings muss dies festgehalten werden: Auch die bekennende Kirche hat gegenüber den Nationalsozialisten geschwiegen, als ihre jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger ausgegrenzt, verfolgt und ermordet wurden.

Ihr christlicher Glaube hat die Gemeinden der Bekennenden Kirche stark gemacht zum Widerstand gegen unrechtmäßige Eingriffe in die eigene Religiosität. Ihr christlicher Glaube hat aber versagt bei dem einfachen Tun der christlichen Nächstenliebe gegenüber Menschen jüdischen Glaubens.

 

 

 

Otto Baumgarten (1858–1934), Kieler Professor für Praktische Theologie, bereits 1926 veröffentlicht

 

Deutsche Christen

Bekennende Kirche

 

 

Einschätzung der Person ‚Adolf Hitler’

 

 

Heil kommt allein durch Christus // nicht: „Heil Hitler“

Verständnis der Person ‚Jesus Christus’

 

Jesus Christus, der Gekreuzigte, ist das Wort Gottes, der einzige Führer.

Umgang mit der Bibel (Altes und Neues Testament)

 

Die ganze Bibel enthält die von Gott her kommende frohe Botschaft.

Bedingungen für Kirchenmitgliedschaft

 

 

Jeder, der sich zu Christus bekennt, ist Kirchenglied und kann zum Pfarrer ausgebildet werden.

Wertschätzung unterschiedlicher Menschen und deren Kulturen

 

Alle Menschen sind vor Gott gleichwertig.

 

Maßstab für politisches Handeln

 

Auch politisch stehen Gottes Gebote über denen des Staates. Kein Führergehorsam.

Die obige Tabelle gibt bereits wieder, wie in der Bekennenden Kirche geglaubt und gedacht wurde. Auszufüllen ist -- mittels der unten wiedergegebenen Quellen -- was die Glaubensbewegung Deutsche Christen für wahr hielt.

Die extrem unterschiedlichen Positionen lassen sich gut erkennen, wenn man sie direkt neben einander vergleichen kann.

 

4 Quellentexte zur Veranschaulichung des Glaubens und Denkens

bei den "Deutschen Christen"

 

1933: Feier eines öffentlich kirchlichenLuthertages

◙ Deutsche Christen: Sammelbegriff für diverse christliche Gruppen, die eine große nationalkirchliche Bewegung im Dritten Reich bildeten. ... Zur besonderen »Glaubenslehre« der D.C. gehörte u.a.: die Verehrung eines heldischen Jesus und Adolf Hitlers als von Gott gegebenem Führer; die Verquickung von Kirche und Staat als gottgewollter Lebensordnung; die Verherrlichung der »arischen Rasse« und des deutschen (bzw. germanischen) Volksgutes; die Verwerfung der »semitischen Rasse« und aller Traditionen des Judentum einschließlich des gesamten Alten Testaments

Aus Lebenszeichen 9/10, Göttingen 1992, S. 218

 

◙ §1 Absatz 2: Wer nicht arischer Abstammung oder mit einer Person nichtarischer Abstammung verheiratet ist, darf nicht als Geistlicher oder Beamter der allgemeinen kirchlichen Verwaltung berufen werden. Geistliche und Beamte arischer Abstammung, die mit einer Person nichtarischer Abstammung die Ehe eingehen, sind zu entlassen. Wer als Person nichtarischer Abstammung zu gelten hat, bestimmt sich nach den Vorschriften der Reichsgesetze. (...)

§3 Absatz 2: Geistliche oder Beamte, die nichtarischer Abstammung oder mit einer Person nichtarischer Abstammung verheiratet sind, sind in den Ruhestand zu versetzen.

6. September 1933, Beschluss der Generalsynode der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union

Einen Monat später erscheint im »Evangelischen Ruf« (Breslauer Christliches Wochenblatt Nr. 42) folgender Text:

Vision

Gottesdienst. Das Eingangslied ist verklungen. Der Pfarrer steht am Altar und beginnt: „Nichtarier werden gebeten, die Kirche zu verlassen!“ Niemand rührt sich. „Nichtarier werden gebeten, die Kirche zu verlassen!“ Wieder bleibt alles still. „Nichtarier werden gebeten, die Kirche zu verlassen!“ Da steigt Christus vom Kreuz des Altars herab und verläßt die Kirche. (Aus: W. Gerlach, a.a.O., S.121)

Das Echo kommt prompt: Der »Evangelische Ruf« wird sofort bis auf weiteres verboten.

 

 

◙ Was wir Deutschen Christen wollen. Sechs Thesen für deutsche Christen.

1. In Hitler ist die Zeit erfüllt für das deutsche Volk. Denn durch Hitler ist Christus, Gott der Helfer und Erlöser, unter uns mächtig geworden. Darum ist der Nationalsozialismus positives Christentum der Tat.

Nach dem Gottesdienst -- segnende Hände?

2. Hitler (der Nationalsozialismus) ist jetzt der Weg des Geistes und Willens Gottes zur Christuskirche deutscher Nation. Mit lutherischem Glaubensmut wagen wir Deutschen Christen darum mit bewährten alten Steinen (Bibel und Bekenntnis) und neuen Steinen (Rasse und Volkstum) im Glauben diese Kirche zu bauen.

3. Hitler will die Kirche. Er wartet auf uns.

 

 

◙ Aus der Entschließung der »Glaubensbewegung Deutsche Christen« vom 13. November 1933

4. Wir erwarten, dass unsere Landeskirche als eine deutsche Volkskirche sich frei macht von allem Undeutschen in Gottesdienst und Bekenntnis, insbesondere vom alten Testament und seiner jüdischen Lohnmoral.

Deutsche Christen marschieren mit.

5. Wir fordern, dass eine deutsche Volkskirche Ernst macht mit der Verkündung der von aller orientalischen Entstellung gereinigten schlichten Frohbotschaft und einer heldischen Jesusgestalt als Grundlage eines artgemäßen Christentums, in dem an die Stelle der zerbrechenden Knechtsseele der stolze Mensch tritt, der sich als Gotteskind dem Göttlichen in sich und in seinem Volke verpflichtet fühlt.

6. Wir bekennen, dass der einzig wirkliche Gottesdienst für uns der Dienst an unseren Volksgenossen ist, und fühlen uns als Kampfgemeinschaft vor unserem Gott verpflichtet, mitzubauen an einer wehrhaften und wahrhaften völkischen Kirche, in der wir die Vollendung der deutschen Reformation Martin Luthers erblicken, und die allein dem Totalitätsanspruch des nationalsozialistischen Staates gerecht wird.

(Aus: J. Ganger [Hg.], Chronik der Kirchenwirren, l.Teil: Vom Aufkommen der »Deutschen Christen« 1932 bis zur Bekenntnis-Reichssynode im Mai 1934, Eberfeld 1934, S.lllf)

Die katholische Kirche und der NS - Staat

 

Zunächst stand die katholische Kirche der ... Hitler-Bewegung kritisch gegenüber. Als die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) bei den Reichstagswahlen am 14. September 1930 ihren Anteil an den Wählerstimmen von 2,6 auf 18,3 Prozent erhöhen konnte, sprachen die deutschen Bischöfe erstmals eine deutliche Warnung vor der Partei aus. ... Zudem kritisierten sie die nationalsozialistischen Auffassungen über Kirche, Staat, Schule, Religion und Rasse als "schief und falsch", ja "zum Teil als dem Christentum entgegengesetzt". Bei dieser ablehnenden Haltung blieb es bis 1933, sie wurde sogar noch verschärft durch das Verbot, als Katholik Mitglied der NSDAP zu werden.

Bischofsversammlung - Reichskonkordat

Nachdem sich jedoch Hitler mehrmals kirchenfreundlich äußerte und in seiner Regierungserklärung am 23. März 1933 die beiden großen christlichen Kirchen als "wichtigste Faktoren zur Erhaltung unseres Volkstums" bezeichnete, relativierte die katholische Kirche ihre bisherige Kritik. Ihr Ziel war nun die rechtliche Sicherung ihrer institutionellen Sonderrechte. Im April 1933 ging von der deutschen Regierung die Initiative zu einem Reichskonkordat mit dem Vatikan aus, das am 20. Juli unterzeichnet wurde. (http://www.dhm.de/lemo/html/nazi/innenpolitik/kirchen/)

 

Dieser Vertrag ... stellte den Höhepunkt der kooperativen Phase zwischen Kirche und NS-Regime dar. Das Konkordat war für beide Seiten von großem Nutzen: Für Hitler bedeutete der Vertrag mit dem Vatikan - einer hohen moralischen Instanz in der Staatengemeinschaft - einen wichtigen außenpolitischen Erfolg; zum ersten Mal erkannte ein anderer Staat sein Regime offiziell an.

Die katholische Kirche wiederum bekam durch das Konkordat die von ihr gewünschte Bestandsgarantie für wichtige kirchliche Rechte und Aufgaben. ...

War das Reichskonkordat der Höhepunkt der gegenseitigen Annäherung zwischen NS-Staat und Kirche, machte sich bald nach dessen Abschluss bei den Kirchenvertretern Ernüchterung breit. Es zeigte sich, dass das weltanschaulich ambitionierte Hitler-Regime sich nicht an seine Zusicherungen hielt. Der totalitäre, alle Lebensbereiche umfassende Anspruch des Nationalsozialismus drängte das christliche und religiöse Leben immer mehr ins Abseits.

...

1935 kam ein weiterer Konfliktherd hinzu, als das NS-Regime begann, katholische Geistliche und Ordensleute durch inszenierte Gerichtsverfahren bei den Gläubigen in Misskredit zu bringen. Nachdem die Kirche zwei Jahre lang vergeblich versucht hatte, diese Praxis zu unterbinden, entschloss sich Papst Pius XI., die Nationalsozialisten öffentlich anzuklagen. In seiner deutschsprachigen Enzyklika "Mit brennender Sorge" kritisierte das Kirchenoberhaupt die Politik Hitlers und griff die Weltanschauung des Nationalsozialismus scharf an.

Nach der Verlesung des Rundschreibens in allen deutschen Gemeinden erreichten die Verfolgungen von Geistlichen einen Höhepunkt. Zahlreiche Pfarrer mussten für ihre Opposition gegen das Regime mit mehrjährigen Haftstrafen und Misshandlungen in Konzentrationslagern bezahlen. Ab 1940 wurden sie in Dachau in einem eigenen "Priesterblock" interniert; insgesamt waren dort bis 1945 mehr als 3.000 Priester und Ordensleute inhaftiert, rund 1.000 von ihnen kamen ums Leben.

Der Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939 brachte zunächst eine gewisse Atempause. Hitler strebte eine Art Burgfrieden mit den Kirchen an, um die Unterstützung für den Krieg an der "Heimatfront" nicht zu gefährden.

http://www.katholisch.de/de/katholisch/themen/dossiers_1/nationalsozialismus/hintergrund_1.php

 

Zum öffentliche Schweigen der katholischen Kirche

zur Judenverfolgung

 

Die auf dem Verordnungs- und Gesetzeswege erfolgende schrittweise Entrechtung der Juden beobachteten Bischöfe und Geistliche bis auf wenige Ausnahmen teilnahmslos. Zu den Nürnberger Gesetzen vom September 1935, mit denen die Juden zu Bürgern minderen Rechts erklärt sowie Eheschließungen und außereheliche sexuelle Beziehungen zwischen Juden und Ariern verboten wurden, erfolgte keinerlei Verlautbarung der deutschen Bischöfe. ...

Schweigen herrschte dann wieder, als die Nationalsozialisten im November 1938 die sogenannte „Reichskristallnacht“ inszenierten. Dass der mutige Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg, der am Tag nach der Pogromnacht zu einem Gebetsgottesdienst

„für die verfolgten nicht - arischen Christen und für die Juden

einlud, in diesem Zusammenhang immer wieder und zu Recht als leuchtendes Beispiel angeführt wird, liegt ja vor allem daran, dass man sonst kaum jemanden nennen kann.

Dennoch weiß man, dass die 'Kristallnacht' bei einem Großteil der Bevölkerung keineswegs ein positives Echo fand. In den kleinen jüdischen Landgemeinden Frankens war es in der Regel so, dass die Zerstörungen von auswärtigen SA-Männern vorgenommen wurden und die christlichen Einwohner sich überwiegend abseits hielten. Freilich nahmen zumeist auch einige Ortsansässige an den Ausschreitungen teil. ... Diese Beispiele bestätigen die Einschätzung des britischen Historikers Ian Kershaw: „Katholizismus bildete keinen Schutz vor Antisemitismus“ doch war es zweifellos so, dass sich nur Minderheiten aktiv an den Zerstörungen und Plünderungen beteiligten. Auch die Gendarmerie-Berichte aus dem Bezirksamt Ebermannstadt mussten einräumen, dass die Mehrzahl der Bevölkerung die Aktion ablehnte. Ausschlaggebend für diese Haltung war allerdings nicht humanitäres Empfinden, sondern die Aufregung über die 'sinnlose' Vernichtung von Sachwerten.

http://www.theophil-online.de/philosop/mfsoph6.htm

 

„Ich wurde vom Führer und Kanzler Hitler empfangen, aber sobald ich das Thema Juden und Judentum ... angeschnitten hatte, drehte sich Hitler ab, ging ans Fenster und trommelte mit den Fingern gegen die Scheibe. ... Dann drehte sich plötzlich Hitler um, ging an einen Tisch, wo ein Glas Wasser stand, faßte es und schleuderte es wütend auf den Boden. Mit dieser hochdiplomatischen ... Geste durfte ich meine Mission als beendet und gleichzeitig leider als abgelehnt betrachten."

(päpstlicher Nuntius 1939)