Toleranz zur Gleichheit

Christlicher Antisemitismus in seiner geschichtlichen Entwicklung

Verantwortung für die Zukunft

 

Name: ____________________ Datum: _________

 

 

 

 

 

Von der begrenzten Toleranz

 

gegenüber jüdischen Mitbürgern

 

zur Gleichstellung vor dem Gesetz

 

 

 

Der Antisemitismus in Europa machte bis in das 18. Jahrhundert hinein und dann wieder im Nationalsozialismus jüdische Menschen zu Bürgern ohne Recht und Sicherheit. Sie wurden nicht nur unentwegt und in jeder denkbaren Weise entwürdigt, sie lebten viel mehr beständig wie auf einem Pulverfass, da jede gesellschaftliche Entwicklung, die einen Schuldigen brauchte, dieser wehrlosen Minderheit leicht angelastet werden konnte. Pogrome gegen Juden, wie zur Zeit der Kreuzzüge, und Aufforderungen alles Jüdische zu vernichten, wie bei Martin Luther waren die Höhepunkte der Judenfeindschaft. Daneben gibt es aber im Mittelalter auch relativ ruhige Zeiten der Duldung.

 

In der Aufklärung gewährt dann endlich die christliche Mehrheitsgesellschaft dieser Randgruppe, dass sie zu gleichberechtigten Bürgern aufsteigen darf. Damit ist der Antisemitismus zwar nicht aus der Welt, Juden können aber zunächst aufatmen, da sie nun offiziell vom Staat Gleichbehandlung erwarten können. Der Staat und das Recht sind nun nicht mehr antisemitisch, wohl aber sind es viele einzelne Bürger geblieben, denn Vorurteile sind sehr hartnäckig und es ist schwer, sie zu verändern oder gar zu lösen.

 

 

 

In vier Arbeitsgruppen sollen die oben skizzierten gesellschaftlichen Veränderungen beispielhaft erarbeitet werden:

 

1. Nikolaus von Kues (1401 – 1464)

Bei dieser Person des Spätmittelalters geht es darum zu beschreiben, wie sein Denken über das friedliche Miteinander unterschiedlicher Religionen im Gegensatz steht zu seinem praktischen Handeln!

 

2. Martin Luther (1483 – 1546)

Das bereits über Martin Luther Erarbeitete ist zu verknüpfen mit seiner Position, die er 20 Jahre früher vertreten hat. Es ist zu erklären, wie es vermutlich zu der Sinneswandlung gekommen ist.

 

3. Der Schritt zur Gleichberechtigung der Juden im Rheinland 1843

Es gilt zu zeigen, wer bei dieser politischen Veranstaltung was gesagt hat und wie die jeweilige Position begründet wurde.

 

4. Neue Synagogen in Delmenhorst (1838) und Hameln (1879)

Zu beschreiben sind die Einweihungsfeiern der Synagogen. Die gesellschaftlichen Vorgänge, die den Bau der Synagogen begleiteten, sind darzustellen. (Bei den gesellschaftlichen Vorgängen interessieren vor allem auch die kirchlichen Aktionen und Reaktionen.)

 

 

Gruppe 1: Nikolaus von Kues (1401 – 1464)

 

 

Aufgaben:

 

1. Beschreibt den Rahmen, in dem das Religionsgespräch angesiedelt ist!

 

2. Gebt wieder, wie Nikolaus das Verhältnis der Religionen untereinander sieht!

 

3. Erläutert, wie weit Nikolaus meint, dass Toleranz geübt werden soll!

 

4. Zeigt den Gegensatz auf, der zwischen dem Denken und dem Tun des Nikolaus besteht! (Nikolaus hatte als Kardinal und Legat (Gesandter des Papstes) gesetzgeberische Gewalt.)

 

5. Haltet Eure Ergebnisse auf einer Folie fest, um sie nachher zu präsentieren!

 

6. Formuliert für die Diskussion --- nach der Kenntnisnahme aller Beiträge --- eine Beurteilung, in welchem Maße in Eurem Beispiel für die jüdischen Mitbürger Toleranz und Gleichheit vor dem Gesetz verwirklicht worden sind!

 

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In De pace fidei („Über den Glaubensfrieden“) bedient sich Nikolaus zur Darlegung seiner Auffassung einer literarischen Fiktion. Geschildert wird eine Vision eines Mannes ..., der eine Versammlung im Himmel miterlebt. Unter der Leitung Gottes beraten die Engel und die Seligen über das Elend auf der Erde, das durch gewaltsame religiöse Konflikte verursacht wird. ...

In dieser Einkleidung präsentiert Nikolaus seine Meinung über die religiösen Streitigkeiten und deren mögliche Beendigung. Danach hat Gott den einzelnen Völkern zu verschiedenen Zeiten Könige und Propheten geschickt, die das rohe, ungebildete Volk unterwiesen und religiöse Vorschriften und kultische Riten einführten. ... Auch weiterhin sind sie der irrigen Überzeugung, ihre religiösen Sitten seien die Umsetzung direkter, wörtlicher Anweisungen Gottes. Daher meinen sie, sie müssten ihren besonderen Glauben, den sie aus Gewohnheit für allein wahr halten, auch mit Waffengewalt gegen die anderen durchsetzen bzw. verteidigen. Damit glauben sie den göttlichen Willen zu erfüllen.

...

Die Einheit unter den Religionsgemeinschaften läuft jedoch nicht auf ein Nebeneinander aller ihrer Lehren in Gleichberechtigung hinaus. Vielmehr tritt er dafür ein, den Nichtchristen christliche Glaubensinhalte ... so zu erläutern, dass die Andersgläubigen die richtig verstandene Verehrung Christi als die eigentliche Grundlage ihres eigenen Glaubens erkennen. Somit sollen die Anhänger anderer Religionen faktisch Christen werden, auch wenn sie an ihren Riten und Gebräuchen wie etwa der Beschneidung festhalten, was Nikolaus ihnen zugesteht.

http://de.wikipedia.org/wiki/Nikolaus_von_Kues

 

 

Ein zeitgenössischer Autor schreibt über Nikolaus von Kues:

 

Ich unterbreche für einen Augenblick die Analyse der Friedensschrift. Denn ich kann nicht verschweigen, dass Cusanus in der irdischen Welt die Juden rigoros - unfreundlich behandelt hat. ... Er ordnete an, dass sie an der Kleidung von weitem erkennbar sein müssten. Er verlangte einen gelben Kreis, eine Art Judenstern. Er verbot den Juden den „Wucher". Seine anti - jüdischen Anordnungen fanden in der Stadt Nürnberg Widerspruch; auch Bischöfe und zuletzt der Papst stellten sich nicht auf die Seite des Legaten in dieser Sache. Cusanus begründete meist seine Anordnung damit, die kanonischen [kirchlichen] Gesetze schrieben dies vor (was zutrifft, seit 1215) ... . Aber mindestens einmal ging er in seiner Begründung weiter: Er rühmte Bremen, weil es dort durch die Gnade Gottes keine Juden gebe. Weise Menschen wüssten, wie gefährlich die Lebensführung der Juden und insbesondere ihre Habgier sei; sie duldeten sie daher nicht. ...

Nikolaus von Kues: Geschichte einer Entwicklung ... von Kurt Flasch

 

Gruppe 2: Martin Luther (1483 – 1546)

 

 

1. Aufgaben: Legt dar, wie Martin Luther im Jahr 1523 über Nähe und Ferne von Juden und Christen zum Sohn Gottes dachte! Wie begründet er sein Urteil?

 

2. Was ist das Ziel seiner maßvollen, den Juden entgegenkommenden Schrift von 1523?

 

3. Vergleicht Martin Luthers Aussagen von 1523 mit denen von 1543! Stellt eine begründete Vermutung darüber an, wie es zu seinem Sinneswandel kam!

 

4. Haltet Eure Ergebnisse auf einer Folie fest, um sie nachher zu präsentieren!

 

5. Formuliert für die Diskussion --- nach der Kenntnisnahme aller Beiträge --- eine Beurteilung, in welchem Maße in Eurem Beispiel für die jüdischen Mitbürger Toleranz und Gleichheit vor dem Gesetz verwirklicht worden sind!

 

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»Und wenn wir gleich hoch uns rühmen, so sind wir dennoch Heiden und die Juden von dem Geblüt Christi, wir sind Schwäger und Fremdlinge, sie sind Blutsfreunde, Vettern und Brüder unseres Herrn. Darum, wenn man sich des Blutes und Fleisches rühmen sollte, so gehören ja die Juden Christo näher zu als wir, wie auch S. Paulus Röm 9 (V. 5) sagt.«

(Aus: M.Luther, Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei. Erschienen 1523) In: Ausgewählte Werke, Erg. Bd. 3, München 1938, S.2f)

 

„Ich will aus der Schrift erzählen die Ursachen, die mich bewegen, zu glauben, dass Christus ein Jude sei von einer Jungfrau geboren, damit ich vielleicht auch etliche Juden zum Christenglauben reizen möge.“

 

Luther hoffte also, neben seinen christlichen Gegnern auch einige Juden aus ihrer eigenen Bibel heraus ... zu überzeugen. Darin hatte ihn der ehemalige Rabbiner Jakob Gipher bestärkt, der sich 1519 wohl wegen Luthers Predigten hatte taufen lassen und dann in Wittenberg Hebräisch lehrte. Ihm schrieb er 1523: Die Rohheit der Päpste und Kleriker habe den Starrsinn der Juden verschlimmert; kirchliche Lehren und Sitten hätten ihnen keinerlei „Funken von Licht oder Wärme“ erwiesen. Da nun aber „das goldene Licht des Evangeliums“ aufleuchte, bestehe Hoffnung, dass viele Juden so wie Gipher „von Herzen zu Christus hingerissen“ würden. ... Er wollte die Juden gesellschaftlich weitgehend integrieren, um sie überzeugender missionieren zu können. Eine erfolgreichere Judenmission sollte wiederum die Wahrheit der Reformation belegen und für ihre Fortsetzung werben. Folglich lehnte Luther die gesamte bisherige Gewaltmission und Unterdrückung der Juden ab. http://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Luther_und_die_Juden#Dass_Jesus_Christus_ein_geborener_Jude_sei_.281523.29

 

 

 

 

Gruppe 3: Gleichberechtigung für die jüdischen Bürger

 

Im rheinischen Provinziallandtag 1843

 

 

Aufgaben:

 

1. Beschreibt den Anlass für die Zusammenkunft des Nordrhein – Westfälischen Landtages am 4. Juli 2013!

 

2. Gebt wieder, wer die Gastgeber waren und wie der äußere Rahmen aussah!

 

3. Nennt die Pro- und Contra - Argumente mit ihren Begründungen, die am 13. Juli 1843 vorgetragen wurden!

 

4. Haltet Eure Ergebnisse auf einer Folie fest, um sie nachher zu präsentieren!

 

5. Formuliert für die Diskussion --- nach der Kenntnisnahme aller Beiträge --- eine Beurteilung, in welchem Maße in Eurem Beispiel für die jüdischen Mitbürger Toleranz und Gleichheit vor dem Gesetz verwirklicht worden sind!

 

 

 

170 Jahre Emanzipation der Juden

 

Zwischen Herablassung, Mitleid und echter Toleranz

 

Die ehemalige kurfürstliche Kanzlei in Düsseldorf - bis 1851 Tagungsort der Provinzialstände

 

... An ein Schlüsseldatum wurde jetzt in einer Feierstunde im NRW-Landtag erinnert: Am 13. Juli 1843, vor nunmehr 170 Jahren, beschloss der damalige Rheinische Provinziallandtag die Aufhebung des so genannten Schändlichen Dekrets, eine Hinterlassenschaft Napoleons. Das Schändliche Dekret (1808) hatte die Niederlassungsfreiheit und Erwerbstätigkeit der jüdischen Bevölkerung eingeschränkt. Dagegen setzte der Rheinische Provinziallandtag die Gleichberechtigung der Jüdinnen und Juden.

 

„170 Jahre Emanzipation der Juden im Rheinland – Ein Beispiel christlich motivierter Toleranz?“ Dieser Titel stand über der Feierstunde im Plenarsaal ..., zu der die Landtagspräsidentin zusammen mit Präses*** Manfred Rekowski und dem Vorsitzenden des Landesverbands der jüdischen Gemeinden Nordrhein, Oded Horowitz, eingeladen hatte.

 

Der Beschluss des Rheinischen Provinziallandtags trug dazu bei, "dass die Juden vom Rand der christlichen Mehrheitsgesellschaft, wo sie bislang eine rechtlich, religiös und sozial diskriminierte Minderheit waren, in die Mitte der Gesellschaft rücken konnten – durchaus ein Beispiel christlich motivierter Toleranz“, sagte Landtagspräsidentin Gödecke bei der Feierstunde.

 

„Ohne dass die christlichen Kirchen alleiniges Urheberrecht für diesen Akt der Toleranz beanspruchen können, so ist doch festzuhalten, für viele der damaligen Entscheidungsträger waren der christliche Glaube, die Nächstenliebe und die allen Menschen eigene Gottesebenbildlichkeit wichtige Motive für ihr Abstimmungsverhalten“, so der rheinische Präses Manfred Rekowski.

 

Allerdings sei in den Reden der damaligen Befürworter „auch eine gewisse Gefühlsgemengelage zwischen Herablassung, tief gefühltem Mitleid und wirklicher Akzeptanz spürbar". ...

 

So hörten die Teilnehmenden in den Bänken des heutigen Landtags die damalige Rede von Gisbert Lensing, einem Abgeordneten des Rheinischen Provinziallandtags, der an die biblische Geschichte vom barmherzigen Samariter erinnerte. Diesem gelte es „nachzustreben“. Der Provinziallandtag habe alle Bewohner „ohne Unterschied der Religion zu vertreten“. Jede Rechtsungleichheit, jede Spur des Drucks auf die jüdischen Mitbürger solle verschwinden, warb der Abgeordnete vor der Abstimmung.

 

„Wenn ich je nach meiner Überzeugung gesprochen habe, so geschah es heute“, bekannte der Krefelder Abgeordnete Herrmann von Beckerath. Er unterstützte den Antrag, indem er Gehorsam, Treue und Hingebung der „Bekenner mosaischen Glaubens“ gegenüber König und Vaterland lobte und fragte: „Mit welchem Rechte darf dann der Staat sie durch Beschränkungen kränken?“

 

Es gab auch Widerrede. Der Abgeordnete der Ritterschaft, Max Freiherr von Loe aus Allner, fragte tatsächlich: „Kann aber der Jude in diesem Namen Recht sprechen, kann er als Verwaltungs-Beamter christliche Zustände auffassen, schützen und fördern, kann er z.B. Schulrat, kann er Kulturminister werden?“ ...

 

Doch offensichtlich fanden mahnende Argumente wie dieses von Beckerath die Mehrheit. „Lassen wir uns keinen, den Gott als unsern Bruder hat geboren werden lassen, lieblos verstoßen, geben wir ihm Raum, jedes Talent, jede Kraft, die der Schöpfer ihm verliehen hat, unbeengt zum Heil der Menschheit zu entwickeln!“ Und so verkündete die heutige Landtagspräsidentin das damalige Abstimmungsergebnis: Mit 19 Nein-Stimmen und 54 Ja-Stimmen wurde der Antrag zur Gleichstellung der Juden angenommen. ...

 

Noch einmal historische Quellen, noch einmal zurück zum Juli 1843: „Auch uns soll also die Sonne der Freiheit leuchten“, schrieb die israelitische Gemeinde von Duisburg und Ruhrort erfreut an die „hochansehnliche, hochverehrteste Stände-Versammlung“. Aus Elberfeld kam „innigster, tiefgefühlter Dank“. Die dortige israelitische Gemeinde schrieb weiter: „Die Annalen der Geschichte werden es unsern Nachkommen verkünden, dass es der Rheinische Landtag in unserm Vaterlande zuerst aussprach, dass die jüdischen Bewohner, die ihr Vaterland und ihre christliche Mitbürger lieben, auf den unverkümmerten Genuss derselben Rechte Anspruch haben.“ ...

 

http://www.ekir.de/www/service/emanzipation-16934.php

ekir: Evangelische Kirche des Rheinlands

**Präses: Vorsitzender einer evangelischen Kirchensynode (Parlament einer Kirche, ihre Gesetz gebende Versammlung)

 

 

 

Übrigens:

 

Der 14. Juli 1789, der Tag des Bastillesturms, ist der Gründungstag des freien Europa. Auch den Juden brachte die Französische Revolution erstmals gleiche Rechte.

 

Christoph Schulte in: http://www.zeit.de/2004/29/A-Juden_2fRev_

 

Gruppe 4: 1838 und 1879 – Neue Synagogen

in Delmenhorst und Hameln

 

 

Aufgaben:

1, Die jüdischen Gemeinden in Delmenhorst und Hameln haben beim Bau ihrer Synagogen unterschiedliche Erfahrungen aufgrund ihrer unterschiedlichen, gesellschaftlichen Integration gemacht. Beschreibt an Hand der Erfahrungen, wie die jüdischen Gemeinden in die Gesellschaft eingebunden waren!

 

2. Auch bei der Einweihung der Synagogen wurde der Grad der Akzeptanz der jüdischen Gemeinden innerhalb der Gesellschaft deutlich.

a. Gebt wieder, wie die politische Führung sich verhalten hat!

b. Erläutert das kirchliche Engagement bei den Feierlichkeiten!

c. Ergänzt, was euch sonst noch aufgefallen ist!

 

3. Haltet Eure Ergebnisse auf einer Folie fest, um sie nachher zu präsentieren!

 

4. Formuliert für die Diskussion --- nach der Kenntnisnahme aller Beiträge --- eine Beurteilung, in welchem Maße in Eurem Beispiel für die jüdischen Mitbürger Toleranz und Gleichheit vor dem Gesetz verwirklicht worden sind!

 

 

 

Delmenhorst

 

Zunächst fanden die Gottesdienste in den jüdischen Wohnhäusern statt, bis 1838 im Haus der Familie Heydemann in der Langen Straße. ...

1838 richtete die jüdische Gemeinde in der Gartenstraße 2 eine Synagoge mit Betsaal, Schulraum und Lehrerwohnung ein. Im Jahr zuvor (1837) war hierzu das Hausgrundstück Gartenstraße 2 gekauft. ... Die Gemeinde erhielt zu den Baukosten von 885 Rtlr. einen Zuschuss vom Großherzog über 150 Rtlr. [Reichstaler]

 

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 8. November 1838:

... Unsere kleine Gemeinde unternahm es mit Unterstützung Seiner königlichen Hoheit des Großherzogs eine neue Synagoge mit Schullokal und Lehrerwohnung zu erbauen. In der Woche Ki tawo (Das war die Woche nach dem 8. September 1838) war der Bau vollendet, und wir luden unseren verehrten Land - Rabbinen, den durch seine Schriften rühmlichst bekannten Ben Usiel (Hirsch) zur Einweihung ein.

Auch ein zahlreiches christliches Publikum, worunter die beiden Ortsgeistlichen und der Magistrat, welcher Letzterer zu allen edlen Unternehmungen hilfreiche Hand bietet, fand sich in der Synagoge ein.

Der Herr Land - Rabbine gewährte uns durch zwei Predigten einen geistigen Genuss, welcher uns lange in Erinnerung bleiben wird. ...

Was unsere Stellung gegen die Gesellschaft betrifft, so ist sie sehr vorteilhaft. Von oben herab werden wir gleich den übrigen Konfessionen behandelt, und es gereicht unserm erlauchten Fürsten zum größten Ruhme, dass ihm die Angelegenheit aller seiner Untertanen ohne Unterschied am Herzen liegen. ...

In unserer Stadt ist vollends der Religionshass, woran manches Land noch laboriert, geschwunden, und es dürfte nicht leicht etwas Erhebliches vorfallen, woran Juden und Christen nicht gleich Anteil nähmen. J.J. Schwabe, Gemeinde-Vorsteher".

http://www.alemannia-judaica.de/delmenhorst_synagoge.htm

 

 

Hameln

 

In Anwesenheit des Landrabbiners Dr. Meyer aus Hannover fiel auf einer Gemeindeversammlung im Jahre 1862 der Beschluss über den Bau einer neuen Synagoge.

Da bot sich nach Auflösung der Hamelner Garnison [Standort von Soldaten] ... im Jahre 1875 die Möglichkeit, die nun leer stehende und im Besitz der Stadt sich befindende Kirche der Garnison zu kaufen. Die jüdische Gemeinde hatte an dem Bauwerk vor allem wegen seiner zentralen Lage in der Osterstraße großes Interesse, die Stadt neigte aus finanziellen Gründen zum Verkauf.

Am 17. September 1875 wurde der Kaufvertrag, der sich auf 10.000 RM belief, unterzeichnet, "unter Vorbehalt der Genehmigung des Consistoriums", also der vorgesetzten Kirchenbehörde in Hannover.

Für die beiden Vertragspartner unerwartet, gab das Consistorium in Hannover eine negative Stellungnahme zu den Verkaufsplänen ab.

 

"... es dürfte für die christlich gesinnten Bewohner Hamelns kaum zu ertragen sein, die St. Spiritus - Kirche [Heilig Geist – Kirche] künftig in jüdische Religionsbräuche übergehen und in solcher Weise entchristlicht zu sehen. Das müsse weit mehr stören, als wenn an einzelnen Orten unbenutzte Kirchengebäude zu profanen [weltlichen] Zwecken verwandt werden."

 

Als der Magistrat an den Verkaufsplänen festhielt, kam es zur einer Bürgerversammlung. Die Ansicht des Consistoriums in Hannover fand keine Mehrheit in der Hamelner Bevölkerung. Auch eine Petition Hamelner Bürger gegen den Verkauf fand nur 63 Unterstützer. Erst durch einen Vortrag des Hamelner evangelischen Pfarrers Klapp in der Garnisonskirche kam in der Bevölkerung eine stark negative Stimmung gegenüber den Verkaufsplänen auf. ...

Die Stadt sah sich nun gegenüber der jüdischen Gemeinde in der Pflicht. Sie bot ihr im Januar 1877 ein Grundstück in der Bürenstraße an. ...

Während die Garnisonkirche dem preußischen Militär als Turnhalle und später als Sparkasse diente, wurde der Neubau der Synagoge in der Bürenstraße im Jahre 1879 fertig gestellt.

 

Die Einladung zur feierlichen Synagogenweihe (Hamelsche Anzeigen vom 15.6.1879)

 

Am 2. Juli 1879 fand die feierliche Weihe statt. Zum Programm gehörten

• der Abschiedsgottesdienst im alten Bethaus

• der feierliche Festzug mit den Thorarollen zur neuen Synagoge

• die Schlüsselübergabe: Der Gemeindevorsteher Michaelis übergab den Schlüssel dem Bürgermeister; dieser öffnete die Synagoge und versprach den Schutz des Gebäudes durch die Stadt.

• der Festgottesdienst durch den Landrabbiner.

 

Anlässlich der Weihe wurden rechts und links der Fassade zwei Bäume gepflanzt, Pyramideneichen. Anschließend ging es zu Diner und Ball in Dreyers Berggarten, eingeleitet mit einem Toast auf den deutschen Kaiser.

Der Bericht über die Feierlichkeiten in den Hamelschen Anzeigen hebt die große Beteiligung der Hamelner Bevölkerung hervor. "Mit einigem Schmerz" erwähnt er das Fehlen der evangelischen Geistlichkeit. Diese, obwohl sie geladen war, erschien nicht zur Einweihung. Sie kam auch nicht zur Feier des 50jährigen Synagogen-Jubiläums im Jahre 1929.

 

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Zur Vervollständigung der Geschichte der Hamelner Synagoge:

 

Am 9. November 1938 wurde die Synagoge der Hamelner jüdischen Gemeinde von SA-Leuten und Bürgern dieser Stadt geplündert und in Brand gesetzt, kurz danach ihre Reste beseitigt.