Christen im Nationalsozialismus - 1

Christlicher Antisemitismus in seiner geschichtlichen Entwicklung

Verantwortung für die Zukunft

 

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Antisemitismus durch Christen in der Zeit des Nationalsozialismus

 

Ungefähr 60 % der Bevölkerung im Dritten Reich waren evangelisch, fast ein Drittel war katholisch. Diese Tatsache muss bei der Betrachtung der Ereignisse damals berücksichtigt werden. Das heißt: In allen drei Gruppen -- unter den Tätern (Gruppe1) und den Zuschauern (Gruppe 2) der Entmenschlichung der Juden, aber auch unter den Gegnern der Nazis (Gruppe 3) -- bildeten zumindest zahlenmäßig gesehen Kirchenmitglieder die große Mehrheit.

Dies wird im Folgenden auf zwei unterschiedlichen Ebenen beispielhaft bedacht: auf der Ebene der einzelnen Glieder der Kirchengemeinden und auf der Ebene der Kirchenleitungen.

Wenn nun in einer Gesellschaft Unrecht geschieht, so sind in der Regel außer den Opfern immer beide Gruppen zugegen, die Täter und die Zuschauer. So sollte man bei der Analyse von Unrechtsgeschehen immer beide Verhaltensweisen gleichzeitig im Blick haben.

 

Bevor jedoch das zumeist unchristliche Verhalten der Christenheit im Nationalsozialismus konkret zur Sprache kommt, soll kurz der ideologische Rahmen angedeutet werden, in dem Christen ihren Glauben im Dritten Reich zu bewähren hatten.

1920

24. Wir fordern die Freiheit aller religiösen Bekenntnisse im Staat, soweit sie nicht dessen Bestand gefährden oder gegen das Sittlichkeits- und Moralgefühl der germanischen Rasse verstoßen. (aus dem 25 – Punkte – Programm der NSDAP)

1925

„Siegt der Jude mit Hilfe seines marxistischen Glaubensbekenntnisses über die Völker dieser Welt, dann wird seine Krone der Totentanz der Menschheit sein, dann wird dieser Planet wieder wie einst vor Jahrmillionen menschenleer durch den Äther ziehen. Die ewige Natur rächt unerbittlich die Übertretung der Gebote. So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.“

(Aus: A. Hitler, Mein Kampf, München 1933, S. 58)

1933

„ ... [ich sehe] im Christentum die unerschütterlichen Fundamente des sittlichen und moralischen Lebens unseres Volkes."

(Hitlers Regierungserklärung am 23. März 1933) -- reine Propaganda!?!

1933

„Eine deutsche Kirche, ein deutsches Christentum ist Krampf. Man ist entweder Christ oder Deutscher. Beides kann man nicht sein."

Hitler nach einem Bericht des Danziger Senatspräsidenten Rauschning Anfang 1933

1942

Es zeichnete sich ab, was Hitler teilweise schon angekündigt hatte: nach dem erlangten „Endsieg" eine „Endabrechnung" mit den Kirchen durchzuführen, bei der das Christentum „mit Stumpf und Stiel ausgerottet" und durch eine nordisch - germanische Volksreligion ersetzt werden sollte.

Antisemitisches Un- „recht“

Ihr findet auf dem Arbeitsblatt chronologisch angeordnet kirchliche Gesetzestexte des Mittelalters und in ungeordneter Weise Gesetze, die die Nationalsozialisten in der Zeit von 1933 bis 1941 erlassen haben.

1.Ordnet die verschiedenen Gesetzestexte einander zu! Was fällt Euch dabei auf?

2.Listet auf, wessen Aktivität benötigt wurde, damit diese Gesetze Teil des Zusammenlebens im Deutschen Reich werden konnten!

3.Überlegt Euch, wie Ihr Euch fühlen würdet, wenn Ihr von solcher Gesetzgebung betroffen wäret!

 

Kanonisches (kirchliches) Recht

 

 

306 Verbot von Eheschließung und Sexualverkehr zwischen Christen und Juden: Synode von Elvira 306

 

 

 

306 Juden und Christen dürfen nicht an einem Tisch essen: Synode von Elvira 306

 

 

 

535 Juden dürfen kein öffentliches Amt bekleiden: Synode von Clermont 535

 

 

 

681 Verbrennung des Talmuds und anderer jüdischer Bücher: 12. Synode von Toledo 681

 

 

 

1215 Juden müssen mit Armbinden, Stern oder gelbem Stoff äußerlich kenntlich sein: 4. Lateran Konzil 1215

 

 

 

1267 Zwangsghettoisierung der Juden: Synode von Breslau 1267

Nazi - »Recht«

 

1933 Zwangspensionierung der Beamten jüdischer Herkunft sowie Entlassung der jüdischen Arbeiter und Angestellten im öffentlichen Dienst: Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums RGBL I 175 vom 7.4.1933

 

1941 Verpflichtung zum Tragen des Judensterns für alle Juden über 6 Jahre: Erlaß vom 19.1.1941

 

1939 Beginn der Ghettoisierung polnischer Juden auf Erlaß des Leiters des Reichssicherheitshauptamtes Heydrich: 21.9.1939

 

1939 Juden dürfen Speisewagen nicht betreten: Schreiben des Reichsverkehrsministers an den Reichsminister des Inneren vom 30.12.1939

 

1933 Bücherverbrennung von Büchern jüdischer und politisch anders denkender Autoren 10.5.1933

 

1935 Eheschließung zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes sind verboten. Ebenso außerehelicher Verkehr. Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre: RGBL I 1146 vom 15.9.1935

 

Zur Reichspogromnacht vom 9. zum 10. 11. 1938:

1. Euch den Zeitungsartikel durch und sprecht miteinander darüber, was hier über die am Geschehen beteiligten Personen berichtet wird! Versucht Euch in die damalige Situation zu versetzen!

Haltet Eure Gedanken, die Euch wichtig erscheinen, schriftlich fest!

Übrigens: Bei vielen Synagogenbränden in dieser Nacht waren Feuerwehrleute zugegen. Sie griffen aber nur ein, um das Übergreifen der Flammen auf Nachbargebäude zu verhindern.

 

2. Notiert Euch drei schwer wiegende Beispiele, an denen deutlich wird, dass in dem Zeitungsartikel nicht informiert, sondern Volksverhetzung übelster Art betrieben wird! Formuliert die von Euch notierten Beispiele um, so dass die Aussagen nicht mehr diskriminierend sind!

 

3. Lest die Erzählung „Die Hölle ist überfüllt“! Diskutiert ihre Aussagen!

a. Erläutert schriftlich, wie der Oberteufel das Geschehen 1938 in Saarbrücken beurteilt hätte, hätte er es beobachten können! Begründet Eure Meinung!

b. Stelle Deine eigene Position vor! Wie denkst Du persönlich: Hat z.B. jemand, der bei einer Gewalttat nur zuschaut und dabei glaubt, gut zu sein und richtig zu handeln, eher einen Platz in der Hölle verdient als der, der die Gewalttat ausführt? Begründe Deine Meinung!

c. Stelle Dir vor, Du wärest nach dem zweiten Weltkrieg Richter in Saarbrücken gewesen und Du hättest die Verhandlung um die Zerstörung der Synagoge führen müssen! Angeklagt sind einige Männer, die aktiv das Gebäude angesteckt haben, indem sie einen Kanister Benzin im Gottesdienstraum verschütteten. Angeklagt sind auch einige Zuschauer, die passiv das Ganze verfolgten, aber weder Feuerwehr noch Polizei verständigten, weil sie dem Geschehen im Innersten zustimmten.

Wie urteilst Du? Warum?

 

 

Die Saarbrücker Synagoge in Flammen

Polizisten achten darauf, dass niemand die bereits brennende Synagoge löscht.

Die brennende Synagoge

in Saarbrücken 1938, Ecke Futterstraße/Kaiserstraße

Ein Judenbengel setzte durch seine feige Mordtat an dem deutschen Gesandschaftsrat vom Rath die ganze deutsche Öffentlichkeit in siedendheiße Erregung, und diese Hitze schien sich gestern morgen auf die Synagoge in der Kaiserstraße übertragen zu haben. Jedenfalls schlugen gegen acht Uhr in der Frühe die Flammen aus dem Zwiebelturm, der samt dem darunter befindlichen Gebäude noch nie in unser Stadtbild hineingepasst hatte. Bald hatte sich eine große Menschenmenge in der Kaiser- und Futterstraße angesammelt, die mit größter Spannung den weiteren Verlauf der Dinge verfolgte. Keiner konnte die Genugtuung verbergen darüber, dass nun das Haus, in dem sich noch immer die Judenclique ungestört hatte zusammenfinden können, verschwand. War es nicht wie ein Symbol, als der Judenstern, der auf der höchsten Spitze immer noch kühn in den deutschen Himmel gestarrt hatte, auf einmal brennend durch das knisternde und funkensprühende Gebälk in die Tiefe stürzte! Knistert es nicht genau so im Gebälk des internationalen Judentums, dessen Stern auch im Versinken ist, wenn man es auch mancherorts nicht wahrhaben will. Die Menge in den Straßen wich und wankte nicht. Man wollte es erleben, wie die Kuppel zusammenbrach, man wollte dabei sein, wenn dieses äußere Zeichen fremden Volkstums und fremder Geisteshaltung aus dem deutschen Stadtbild getilgt wurde. Dass man währenddessen in dem neben der Synagoge gelegenen Judenhaus eine Durchsuchung vornahm und allerhand mehr oder weniger wertvolles Material hervorschaffte, diente zur allgemeinen Belustigung und wurde gebührend bejubelt. So ist auch bei uns das alte Sprichwort wahr geworden: »Wer Wind sät, wird Sturm ernten.«

(Saarbrücker Zeitung am 11. November 1938, S.3) Die brennende Synagoge

in Saarbrücken 1938, Ecke Futterstraße/Kaiserstraße

 

Die Hölle ist überfüllt

 

Eines Tages ist die Hölle überfüllt. Draußen vor der Tür wächst die Schlange derer, die Einlass begehren. Irgendwo muss man doch hin. Es gibt doch so etwas wie ein Recht auf einen Platz nach dem Tod.

In der Schlange ist Unruhe. "Kein Platz mehr? Das darf nicht sein!" Die Menge beginnt zu murren. Da öffnet sich die Tür. Der Oberteufel tritt heraus. Er sucht für den letzten freien Platz einen würdigen Kandidaten. Es ist schwerer als erwartet.

 

Jeder in der Schlange hat so manches vorzuweisen. Kaum einer mit weißen Flecken in der Weste.

Schließlich sieht der Oberteufel einen, mit dem er noch nicht gesprochen hat. Der Mensch steht abseits. Für sich allein. "Was ist eigentlich mit ihnen?" so fragt der Oberteufel. "Ja, sie da - sie da im Abseits. Was haben sie getan?" - Der Mensch bleibt ruhig. Er blickt dem Oberteufel in die Augen. "Ich?", so fragt er. "Ich? Ich habe nichts getan. Ich bin ein guter Mensch. Relativ gut. Ich bin nur aus Versehen hier." -"Aus Versehen" murmelt der Oberteufel. "So aus Versehen", sagt er dann laut. "Aber sie müssen doch etwas getan haben. Jeder Mensch stellt irgend etwas an!"

"Nein", entgegnet der Mensch, "nein, ich habe nichts getan. Ich habe viel Unrecht gesehen während meines Lebens, das schon, aber ich hielt mich fern davon. Ich sah, wie Menschen ihre Mitmenschen verfolgten, ich hörte davon, ich las es in den Zeitungen, aber ich selbst, ich beteiligte mich niemals daran.“ - "Kinder haben gehungert", so fährt der Mensch fort in seiner Rede, "aber ich nahm niemandem sein Brot weg. Ich habe Schwache gesehen, ich sah wie sie niedergetrampelt wurden, die Arbeitslosen - aber ich habe mich am Bösen nie beteiligt. Gewiss, auch ich stand in Versuchung, aber ich tat nichts."

Ungläubig schaut der Oberteufel den Menschen an. "Nichts, absolut nichts haben sie getan?" so fragt er. Und er fährt fort, als er diesen nicken sieht: "... und sie haben das alles wirklich gesehen?" "Ja", sagt der Mensch, "ich sah es direkt vor meiner eigenen Tür." "Und sie haben wirklich nichts getan?" fragt der Oberteufel noch ein letztes Mal ungläubig. Und als der Mensch erneut den Kopf schüttelt, da öffnet der Teufel die verschlossene Tür. "Komm herein, mein Kind," so sagt er. "Komm herein. Du bist in Wahrheit würdig, den letzten Platz in der Hölle einzunehmen." Als aber der Mensch eintritt, da drückt sich der Oberteufel eng an den Türpfosten. Mit diesem Menschen möchte sogar er nicht allzu gerne in Berührung kommen.