Nach 1945

Christlicher Antisemitismus in seiner geschichtlichen Entwicklung

Verantwortung für die Zukunft

 

Name: ____________________ Datum: _________

 

Die Kirchen in Deutschland bekennen nach 1945 ihre Schuld

und kehren um (tun Buße).

 

Clarissa M. ist Studentin der politischen Wissenschaften im fünften Semester. Sie besucht ein Seminar, das die Ursachen und Auswirkungen des Holocaust zum Thema hat. Als das Seminar dem Ende entgegen geht, hat sie sich -- wie die anderen Seminarteilnehmer auch -- einen groben Überblick über die Geschichte des Antisemitismus in Europa erarbeitet. Deutlich steht ihr vor Augen, dass der Antisemitismus seinen allerschlimmsten Ausdruck in der nationalsozialistischen Politik fand, mit dem Ziel alle Juden Europas mit dem Gas Zyklon B zu vernichten.

Zu diesem Zeitpunkt des Seminarverlaufs bekommt Clarissa von der Seminarleiterin die Aufgabe gestellt, ein Kurzreferat als Gesprächsimpuls zu erarbeiten. Thema:

 

Die Position der Kirche in Deutschland zum

Judentum und zum Thema „Holocaust“

während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

 

 

Für ihr Referat darf sie maximal vier charakteristische Ereignisse schildern, da -- wie ihre Professorin betont -- ansonsten sich ja doch niemand etwas behält.

Da Clarissa als Politikstudentin regelmäßig die Frankfurter Rundschau liest, weiß sie, dass das gegenwärtige Verhältnis zwischen Juden und Christen relativ entspannt ist. Irgendwann zwischen 1945 und der Jahrtausendwende muss es also einen radikalen Wandel gegeben haben.

Kaum begonnen, stößt Clarissa bei ihrer Materialsuche auf erste Schwierigkeiten. Sie braucht fast einen ganzen Tag, um sich darüber klar zu werden, dass es die Kirche in Deutschland gar nicht gibt. Die deutsche Christenheit ist aufgefächert in unterschiedlichste Gruppen. Clarissa entscheidet sich dafür, nur die beiden größten Gruppen, die katholische Kirche und die in der EKD vereinigten evangelischen Landeskirchen zu berücksichtigen. Für diese beiden gesellschaftlich relevanten Institutionen findet sie nach ausführlicher Recherche im Internet schließlich jeweils drei besonders aussagekräftige Daten.

 

Aufgabe:

1. Setzt euch in Gruppen von vier Personen zusammen und sucht die vier Ereignisse heraus, die in Euren Augen für das Referatthema am besten geeignet sind!

2. Fasst sie so zusammen, dass Euer Text ein guter Gesprächsimpuls für das Seminar werden kann!

 

Ereignis 1:

 

Die Erkenntnis christlicher Mitverantwortung und Schuld an dem Holocaust (Rheinische Landessynode 1980)

 

"Die zweite Schwelle auf meinem Weg zur Synode war die Grenze zwischen Holland und Deutschland. Ich verdanke es vor allem meinem Freund Professor Heinz Kremers, dass ich den Mut fand, diese Grenze zu überschreiten und in das Land zurückzukehren, durch dessen Volk mein Volk, meine Familie und auch ich so viel erleiden mussten."

Es ist aus heutiger Sicht nur schwer vorstellbar, welches Leid Yehuda Aschkenasy und seine Familie erfuhren. Dennoch wagte er den für ihn schwierigen, aber dennoch wichtigen Schritt, nach Deutschland einzureisen und entscheidend an dem Synodalbeschluss der "Rheinischen Landessynode 1980" mitzuwirken.

http://www.youscribe.com/catalogue/livres/savoirs/religions/zur-erneuerung-des-verhaltnisses-von-christen-und-juden-rheinischer-1479458

 

Vor ca. 25 Jahren überdachte die Synode der rheinischen Kirche das Verhältnis zwischen beiden Religionen neu:

„Schritt zur Versöhnung“

Wenn die Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland in diesem Jahr ihre Aussagen zum Verhältnis von Christen und Juden aus dem Jahre 1980 würdigt, dann ist immer wieder von der Einzigartigkeit der damals getroffenen Entscheidungen die Rede. „Die Synode von 1980 war für mich und für viele andere der erste Schritt zur Versöhnung“, sagt etwa Rabbiner Yehuda Aschkenasy. Damals hatte die Landessynode in ihrem Beschluss „Zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden“ die besondere Rolle des Volkes Israel in der Heilsgeschichte betont und angesichts der Neugründung des Staates Israel auch Aussagen über die Treue Gottes zu seinem Volk gemacht. Der alte Bund Gottes mit Israel sei nie durch den neuen Bund, den Gott in Jesus Christus mit der ganzen Menschheit geschlossen habe, ersetzt worden.

...

„Wir sind noch in den Anfängen“, sagt Präses Nikolaus Schneider in einer Würdigung des Beschlusses von 1980, „kein Wunder, wenn man 25 Jahre gegen 2000 Jahre setzt“. - (gbr)

http://www.ev-kgm-stg.de/Gemeindebrief-ONLINE/Ausgaben/stm-2005-2so/stm-2005-2so.html#Besondere Tage

 

Ereignis 2:

 

1979 Papst Johannes Paul II in Auschwitz

 

 

 

 

Papst Johannes Paul II

 

kniet vor der Todeswand in Auschwitz während seiner ersten Polenreise 1979

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„So komme ich also und beuge meine Knie auf diesem Golgota unserer Zeit, vor diesen Gräbern, die großenteils keine Namen tragen, wie ein gigantisches Grab des Unbekannten Soldaten. Ich knie vor allen Tafeln, die eine lange Reihe bilden und auf denen das Andenken an die Opfer von Auschwitz in folgenden Sprachen geschrieben steht: Polnisch, Englisch, Bulgarisch, Zigeunersprache, Tschechisch, Dänisch, Französisch, Griechisch, Hebräisch, Jiddisch, Spanisch, Flämisch, Serbokroatisch, Deutsch, Norwegisch, Russisch, Rumänisch, Ungarisch und Italienisch.

Ich verweile am Ende gemeinsam mit euch, liebe Teilnehmer dieser Begegnung, vor der Tafel mit hebräischer Inschrift. Sie weckt das Andenken an das Volk, dessen Söhne und Töchter zur totalen Ausrottung bestimmt waren. Dieses Volk führt seinen Ursprung auf Abraham zurück, der der "Vater unseres Glaubens" ist (vgl. Röm 4,12), wie Paulus von Tarsus sich ausdrückte. Gerade dieses Volk, das von Gott das Gebot empfing „Du sollst nicht töten!", hat an sich selbst in besonderem Ausmaß Mord erfahren. An diesem Gedenkstein darf niemand gleichgültig vorbeigehen.“

Ausschnitt aus der Predigt des Papstes am 7. Juni 1979 in Ausschwitz

 

 

Ereignis 3:

Eine Erfolgsgeschichte - 50 Jahre Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen

 

Jubiläum: »Herzensangelegenheit« – 50 Jahre Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Evangelischen Kirchentag in Dresden:  

Wie sollten Juden und Christen in Deutschland nach Auschwitz noch miteinander reden können? Die Kirchentagsbewegung hat entscheidend dazu beigetragen, die Sprachlosigkeit zu überwinden.

Man dürfe sich nicht täuschen: »Als 1945 die wenigen überlebenden deutschen Juden aus den Vernichtungslagern oder dem Untergrund zurück in ihre Heimatstädte kamen, waren sie alles andere als willkommen. Keiner freute sich, man war eher erschrocken, dass überhaupt noch welche lebten.«

»Herzensangelegenheit« – 50 Jahre Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Evangelischen Kirchentag in ­Dresden: Moderator Thomas Roth, EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider und Dieter Graumann, Präsident des ­Zentralrats der Juden in Deutschland. © DEKT/Jens Schulze

 

Wenn der jüdische Publizist und Filmemacher Bernd Ginzel aus Köln von den Erfahrungen deutscher Juden nach dem Zweiten Weltkrieg erzählt, gehen die Sätze unter die Haut. »Worte wie Jesus oder Christen waren unter uns tabu. Es waren Synonyme für den millionenfachen Judenmord.« --- An ein Gespräch miteinander sei nicht zu denken gewesen, so Ginzel.

Was für die jüdische Seite galt, galt ähnlich für die christliche: Dass es heute eine stabile und belastbare Zusammenarbeit gibt, ist die Frucht einiger beherzter Pioniere wie Ginzel und Stöhr.

Es war der 10. Deutsche Evangelische Kirchentag 1961 in Berlin, auf dem erstmals nach dem Holocaust eine von Juden und Christen gemeinsam verantwortete »neue Begegnung von Juden und christlicher Gemeinde« angeboten wurde. Die Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Kirchentag wurde zu einem wichtigen Auslöser der Aufarbeitung einer »2000-jährigen Geschichte des Missverstehens« ... .

Und nur langsam wuchs das Vertrauen der jüdischen Seite in das christliche Gegenüber.

»Heute sind die christlichen Gemeinden die ersten, die bei antisemitischen Ereignissen schreien, bilanziert Ginzel »mit Dankbarkeit«.

Harald Krille -- 10. Juni 2011 mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de ist ein Angebot der Kirchenzeitungen GLAUBE UND HEIMAT (Weimar/Magdeburg) und DER SONNTAG (Leipzig)

Ereignis 4:

Zur Veränderung der Karfreitagsfürbitte

 

1570 legte Papst Pius V. die alte Fassung fest, die bis 1956 unverändert gültig blieb.

Historikern gilt sie als Ausdruck eines christlichen Antijudaismus, der auch den Antisemitismus befördert habe. Kritik an der traditionellen Judenfürbitte fand erst nach dem Holocaust Gehör. Seit 1956 veränderte der Vatikan sie schrittweise bis zu ihrer heute gültigen Normalfassung von 1970. Diese betont Israels Erwählung zum Gottesvolk und bittet nicht um Erkenntnis Christi, sondern um Treue der Juden zu Gottes Bund und Liebe zu seinem Namen, erkennt also das Judentum an.

http://de.wikipedia.org/wiki/Karfreitagsf%C3%BCrbitte_f%C3%BCr_die_Juden

 

Der veränderte Wortlaut in heutiger Fassung:

„Lasst uns auch beten für die Juden, zu denen Gott zuerst gesprochen hat, dass sie seinen Namen immer mehr lieben und in Treue fortschreiten auf dem Weg, den sein Bund ihnen gewiesen hat.“

„Allmächtiger, ewiger Gott, du hast Abraham und seinen Kindern deine Verheißung gegeben. Wir bitten dich für das Volk, das du dir von alter Zeit her erwählt hast: Lass es zur Fülle des Heiles gelangen. Das bitten wir durch Christus, unsern Herrn.“

 

Ereignis 5:

Große Synagoge von Rom

 

Die Große Synagoge von Rom (italienisch Tempio Maggiore di Roma) ist die größte Synagoge in Rom. Die Synagoge wurde von 1901 bis 1904 errichtet. ... Die Synagoge wurde zum symbolischen Ort in der Annäherung der Päpste an das Judentum nach 1945. Papst Johannes XXIII. hielt unangekündigt am Morgen des 17. März 1962 vor der römischen Synagoge, ließ das Verdeck seines Wagens öffnen und segnete die hinausströmenden Juden.

Der anwesende spätere Rabbiner Elio Toaff erinnerte sich später, dass „nach einem Augenblick verständlicher Verwirrung die Juden ihn umringten und ihm begeistert applaudierten. In der Tat war es das erste Mal in der Geschichte, daß ein Papst die Juden segnete, und dies war vielleicht die erste echte Geste der Versöhnung.“ An diese symbolische Geste knüpfte ausdrücklich Papst Johannes Paul II. an, als er als erster Papst überhaupt eine Synagoge betrat: Er besuchte am 13. April 1986 die römische Synagoge, hielt eine Ansprache und betete gemeinsam mit dem Rabbiner Elio Toaff. Besondere symbolische Kraft hatte in den Augen des Kardinals Kurt Koch die abschließende Umarmung des Papstes mit Toaff. Das Ereignis ist laut dem Historiker Georg Schwaiger „in der ganzen Welt als außerordentliches Zeichen der Versöhnung gewertet“ worden.

Zum hundertsten Jahrestag der Einweihung der Synagoge 2004 schrieb Johannes Paul II. in einer Grußbotschaft, sein Besuch 1986 sei „eine Umarmung zwischen Brüdern“ gewesen, „die sich nach langer Zeit, in der es an Unverständnis, Ablehnung und Leid nicht fehlte, wiedergefunden haben. Als zweiter Papst besuchte Benedikt XVI. die Synagoge am 17. Januar 2010 und besichtigte auch das Museum.

Papst Franziskus hat im Januar 2016 die Synagoge in Rom besucht. Dabei verurteilte er jegliche Form von Antisemitismus. Empfangen wurde der Heilige Vater von dem Präsidenten der jüdischen Gemeinschaft in Italien, Renzo Gattegna.

 

Ereignis 6:

Das Stuttgarter Schuldbekenntnis 1945

 

Mit dem Stuttgarter Schuldbekenntnis (auch: Schulderklärung der evangelischen Christenheit Deutschlands) bekannte die nach dem Zweiten Weltkrieg neugebildete Evangelische Kirche in Deutschland (EKD)am 19. 10. 1045 erstmals eine Mitschuld evangelischer Christen an den Verbrechen des Nationalsozialismus. ...

Die Erklärung ging aus ihren Einsichten über das Versagen der evangelischen Kirchenleitungen in der Zeit des Nationalsozialismus hervor, die sie im Kirchenkampf und nach Kriegsende gewonnen hatten. Anlass war der Besuch hochrangiger Vertreter des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), die sich bereit zeigten, sich mit den Deutschen zu versöhnen und die EKD aufzunehmen. Dazu erwarteten sie von deren Vertretern ein glaubwürdiges Schuldbekenntnis. Mit der Erklärung kamen die Autoren dieser Erwartung nach und öffneten der EKD den Weg zu ökumenischer Gemeinschaft und verstärkter Hilfe für die notleidenden Deutschen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Stuttgarter_Schuldbekenntnis

 

Nach einleitenden Worten heißt es dort:

„Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“

http://www.ekd.de/glauben/bekenntnisse/stuttgarter_schulderklaerung.html

 

Heutzutage wird kritisiert, „dass die bekannte Schuld sehr unkonkret bleibt und vor allem der Völkermord am europäischen Judentum nicht benannt wird geschweige denn die kirchliche Beteiligung an der Diskriminierung und Ausgrenzung des Judentums. Als Erklärung der Schuld der evangelischen Kirche nach zwölf Jahren NS-Herrschaft, nach Völkermord und Zweitem Weltkrieg hätte die eigene Unterstützung und Mittäterschaft benannt werden müssen, so die heute gängige Kritik.“

http://www.nordelbische.de/beitraege/?p=232