Stationen des Judenhasses

Christlicher Antisemitismus in seiner geschichtlichen Entwicklung

Verantwortung für die Zukunft

 

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3 Stationen des Judenhasses -- eine Textsammlung

 

 

 

Bildet zunächst drei gleich große Gruppen, in denen die Texte für die jeweilige Station zu bearbeiten sind.

In dem dann folgenden, nächsten Schritt werden Dreier - Gruppen gebildet, so dass jede der drei Stationen vertreten ist. Dort ist das angeeignete Wissen -- anhand von Fotografien und Bildern -- an die anderen Gruppenmitglieder weiterzugeben.

 

Gruppe 1

 

Arbeitsauftrag: Arbeitet aus den Quellen heraus, worin der jeweilige theologische Vorwurf der Christenheit gegenüber dem Judentum besteht und welche Konsequenzen in den Quellen daraus gezogen werden! Notiert Eure Ergebnisse in Eurem Heft!

 

Die Zeit der frühen Kirche

 

Eine Grundlage für theologische Vorbehalte der Christenheit boten Aussagen früher Kirchenväter:

 

Bischof Melito von Sardes um 165 n. Chr.

Hört es, alle Geschlechter der Völker, und seht es: Ein nie gewesener Mord geschah in Jerusalem, in der Stadt des Gesetzes, in der hebräischen Stadt, in der Stadt der Propheten, in der Stadt, die als gerecht angesehen wurde! (...) Der, welcher die Erde aufgehängt hat, ist selbst aufgehängt worden; der, der die Himmel anheftete, ist angeheftet worden; der, der das All fest gemacht hat, ist am Holz festgemacht worden! (...) Gott ist getötet! Der König Israels ist durch Israels Hand beseitigt worden! Oh des unerhörten Mordes! Oh des unerhörten

Unrechts!

(Zit. nach: K. H. Rengstorf und S. Kortzfleisch [Hg.], Kirche und Synagoge, Handbuch zur Geschichte von Christen und Juden, Darstellung mit Quellen, Band 1, Stuttgart 1969, S.73)

 

Origenes (185-254)

Das Blut Jesu traf daher nicht nur die Juden seines, Jesu Zeitalters, sondern alle Juden bis zum Ende der Welt. Daher ist bis jetzt ihre Heimat verlassen und ihnen verwüstet.

(Aus: Kommentare zu Matthäus [Mt27,25], zit. nach: B.Uhde [Hg.], Judentum im Religionsunterricht, Sek II, München 1978, S.173)

 

Johannes Chrysostomos (354-407)

Man muss die Juden fliehen wie eine die ganze Welt bedrohende Pest! Man muss die Märtyrer nachahmen, die die Juden hassten, weil sie Christus liebten. Denn man kann das Opfer nicht lieben, ohne die Mörder zu hassen. (...) Wie ein gemästetes und arbeitsunfähiges Tier taugen sie (die Juden) nur noch für den Schlächter.

(Zit. nach: R. Pfister [Hg.], Von A bis Z, Quellen zu Fragen um Juden und Christen, Gladbeck 1971, S.25)

 

Gruppe 2

 

 

Arbeitsauftrag: Arbeitet aus der Quelle heraus, worin die wirtschaftlich - politischen, sowie theologischen Vorwürfe der europäischen Christenheit gegenüber dem Judentum bestanden und welche Folgen sich daraus ergaben! Notiert Eure Ergebnisse in Eurem Heft!

 

Die Zeit des Mittelalters

 

Antijüdisch geprägte christliche Theologie und kanonische (kirchliche) Gesetzgebung bildeten die Voraussetzungen der Judenverfolgungen im Hohen und Späten Mittelalter. Handfeste wirtschaftliche Interessen verstärkten noch den Hass gegen die Juden; denn einige von ihnen waren durch ihren Handel, vor allem durch den Großhandel zwischen christlichem Westen und Orient, zu Wohlstand gelangt.

 

Im Zusammenhang mit dem ersten Kreuzzug 1096 kam es zum ersten Mal zu großen Massakern. Die Begründung lautete: »Es ist sinnlos, die Feinde unseres Christusglaubens in der Fremde zu bekämpfen, wenn die Juden, die schlimmer als die Moslems sind, in unseren Städten ungestraft unseren Herrn Jesus Christus beleidigen dürfen.«

 

So wurden unter anderem die jüdischen Bewohner der Städte Trier, Speyer, Worms, Mainz und Köln, den Zentren des Judentums in Deutschland, verfolgt und umgebracht. Eine zweite Welle des Hasses überrollte die Juden 1146 / 47 während des zweiten Kreuzzuges.

 

In der Folgezeit kam es immer wieder zu lokalen Verfolgungen, vor allem aufgrund des Vorwurfes der Hostienschändung und des Ritualmordes. Beide Vorwürfe beruhten auf dem Gedanken, die Juden seien als wesensmäßige Feinde des wahren Gottes, Jesus Christus, kollektiv zur Wiederholung des Christusmords an christlichen Kindern oder kirchlichen Sakramenten gezwungen. Auch die Vorwürfe des Wuchers und der Brunnenvergiftung dämonisierten und kriminalisierten die „Christusmörder“ als „Christenmörder“.

 

Zum ersten Mal tauchte der Vorwurf der Hostienschändung in Frankreich auf. Eine Chronik berichtete: »In Paris kaufte ein Jude von einer christlichen Magd eine geweihte Hostie. Die legte er vor seinen Glaubensgenossen auf den Tisch und durchstach sie mit einem Messer. Darauf strömte das Blut aus Ihr heraus.« 1337 fiel einem solchen Vorwurf die ganze Judengemeinde von Deggendorf zum Opfer.

 

Ein weiterer Aberglaube war der des so genannten Ritualmordes. Danach behaupteten die Christen, die Juden würden christliche Kinder ermorden und ihnen anschließend das Blut abzapfen. Als Folge dieser Anschuldigung kam es zu vielfachem Massaker unter den jüdischen Gemeinden. Diese grausamen Ereignisse schienen aber nur Vorankündigungen für die umfassendste und blutigste Verfolgung der Juden im Mittelalter zu sein. Als die Pestepidemie 1348/49 ein Viertel der europäischen Bevölkerung dahinraffte, wurde den Juden vorgeworfen, dieses schreckliche Sterben durch Brunnen- und Quellenvergiftung verursacht zu haben. Dieses Gerücht traf vielerorts auf offene Ohren, denn der Reichtum weniger jüdischer Gemeinden - der u. a. auf erfolgreiche Zinsgeschäfte zurückzuführen war - erregte Neid und Missgunst. Den Christen waren Zinseinnahmen durch kanonisches (kirchliches) Recht verboten; da die Handwerkszünfte aber andererseits als christliche Verbände alle Juden ausschlossen und Juden Grund und Boden nicht erwerben durften, war die jüdische Bevölkerung notgedrungen in andere Berufszweige ausgewichen. So kam zur religiösen und sozialen Diskriminierung die wirtschaftliche hinzu.

 

Als die Pest in Westeuropa im Jahre 1351 abklang, hatten mehrere hunderttausend Juden gewaltsam den Tod gefunden; es waren 210 jüdische Gemeinden vernichtet und deren Synagogen verwüstet.

 

Gruppe 3

 

 

Arbeitsauftrag:

1. Arbeitet aus dem Text des Reformators Martin Luther dessen Einstellung zu den Juden heraus, wie sie sich dort 1543 zeigt! Notiert Eure Ergebnisse in Eurem Heft!

2. Erarbeitet Euch die Position der katholischen Kirche gegenüber den Juden aus dem Bittgebet, das alljährlich jeden Karfreitag ab 1570 bis 1955 im Gottesdienst gesprochen wurde! Notiert auch dieses Ergebnis in Eurem Heft!

 

 

Zeit der Reformation -- Martin Luther

Christlich - theologische Äußerungen trugen schon früh bei zur Aussonderung der Juden. Sie haben von den Anfängen bis in unser Jahrhundert hinein so manches Vorurteil heraufbeschworen und das Verhalten vieler Menschen des Abendlandes gegenüber den Juden bestimmt. Auch in der Reformationszeit und weit über sie hinaus blieben Vorurteile den Juden gegenüber bestehen.

 

Auf diesem Hintergrund schrieb Martin Luther in den Jahren 1543 über die Juden:

 

»Ich will meinen treuen Rat geben. Erstlich, dass man ihre Synagogen oder Schulen mit Feuer anstecke und, was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, dass kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich. Und solches soll man tun, unserem Herrn und der Christenheit zu Ehren, damit Gott sehe, dass wir Christen seien und solch öffentlich Lügen, Fluchen und Lästern seines Sohnes und seiner Christen wissentlich nicht geduldet noch gewilliget haben. (...)

Zum anderen, dass man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre. Denn sie treiben ebendasselbige darinnen, was sie in ihren Schulen treiben. Dafür mag man sie etwa unter ein Dach oder Stall tun, wie die Zigeuner, auf dass sie wissen, sie seien nicht Herren in unserem Lande. (...) Zum dritten, dass man ihnen nehme alle ihre Betbüchlein und Talmudisten, darin solche Abgöttereien, Lügen, Fluchen und Lästerungen gelehret wird.

Zum vierten, dass man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete, hinfort zu lehren. Denn solch Amt haben sie mit allem Recht verloren. (...) Denn, wie gehört, Gottes Zorn ist groß über sie, dass sie durch sanfte Barmherzigkeit nur ärger und ärger, durch Schärfe aber wenig besser werden. Drum immer weg mit ihnen.«

(Aus: M.Luther, Von den Juden und ihren Lügen. Erschienen 1543) In: Ausgewählte Werke, Erg. Bd. 3, München 1938, S. 189 ff)

 

 

Zeit der Reformation -- Katholische Kirche

Karfreitagsbitte für die Juden (kath. Kirche) --- Seit dem Jahr 1570 bis 1955 wurde in jedem katholischen Gottesdienst am Karfreitag auch für die Juden gebetet. Wichtig ist, sich den Ort des Gebetes anzusehen. Zunächst wurde für die gebetet, die vom wahren Glauben abgefallen waren (also auch für die Protestanten). Nun folgte die Bitte für die Juden und es schloss sich das Gebet für die Ungläubigen (Heiden und Nichtgläubige) an.

In der deutschen Übersetzung lautete der Text:

„Lasset uns auch beten für die treulosen Juden, dass Gott, unser Herr, wegnehme den Schleier von ihren Herzen, auf dass auch sie erkennen unsern Herrn Jesus Christus.“

„Allmächtiger ewiger Gott, Du schließest sogar die treulosen Juden von Deiner Erbarmung nicht aus; erhöre unsere Gebete, die wir ob der Verblendung jenes Volkes vor Dich bringen: Möchten sie das Licht Deiner Wahrheit, welches Christus ist, erkennen und ihrer Finsternis entrissen werden. Durch ihn, unseren Herrn.“

Es war Papst Pius V., der 1570 die katholische Gottesdienstordnung erneuern ließ.

 

 

 

 

 

Bildmaterial zu den Stationen des Judenhasses

 

 

Arbeitsauftrag:

 

  1. Bildet Gruppen, in denen unbedingt wenigstens jeweils ein Experte aus den Arbeitsgruppen 1 bis 3 aus der vorigen Arbeitsphase vertreten ist!
  2. Unterrichtet Euch über Eure Ergebnisse aus der vorangegangenen Arbeitsphase, indem Ihr die Bilder betrachtet und indem Ihr Euch die Bilder vom jeweiligen Experten erläutert lasst! Notiert Euch das Unbekannte in Euer Heft!
  3. Ihr findet in dem Bildmaterial auch Abbildungen, die zu der Zeit des Nationalsozialismus gehören. Schaut sie Euch genau an, damit Ihr später auf diese Informationen zurückgreifen könnt! Haltet es schriftlich fest, wenn bei diesen Fotos Fragen auftauchen!

Weitergedacht:

 

4. Stellt Euch vor, jeweils ein christlicher Vertreter der erarbeiteten Epochen wäre zu Gast an

Eurem Tisch und würde Euch Rede und Antwort stehen! Was würdet Ihr von ihm wissen

wollen?

 

Einzelarbeit:

 

5. Reflektiere für Dich ganz persönlich die Arbeitsergebnisse der Gruppenarbeiten zum Zeitstrahl

Antisemitismus!

 

Benenne,

  • welche Aspekte Dich besonders beschäftigen,
  • welche Informationen neu für Dich waren,
  • inwiefern Dir das Erfahrene dabei hilft, heutige antisemitische Äußerungen besser zu erkennen
  • und zu beurteilen!

Bildmaterial

Im Kolosseum in Rom werden Minderheiten (auch Juden und Christen) als Staatsfeinde bei öffentlichen Belustigungen hingerichtet.

 

Kreuz und Hakenkreuz

bei den Deutschen Christen --

Kirchenwahlen 1934

Ein jüdischer Geldhändler verleiht an einen Bauern Geld, 1531.

 

Juden werden aufs Rad geflochten und mit brennenden Fackeln gefoltert, um von ihnen das Geständnis der Brunnenvergiftung zu erzwingen. Der christliche Inquisitor deutet auf ein Säckchen mit Gift hin, das im Haushalt eines jüdischen Arztes jederzeit leicht zu finden war.

 

Holzschnitt von 1475.

 

Kreuzritter ermorden drei Juden, die an ihren Hüten zu erkennen sind (franz. Bibelillustration).

 

Juden als Verantwortliche für negative Entwicklungen der Moderne. Karikatur aus „Der Stürmer" mit dem Titel „Giftgas über Deutschland", 1930

 

Sogenannte "Judensau" an der Stadtkirche zu Wittenberg. Auf dem Platz davor befindet sich heute ein Mahnmal mit folgender Aufschrift: Gottes eigentlicher Name / der geschmähte Schem Ha Mphoras / den die Juden vor den Christen / fast unsagbar heilig hielten / starb in sechs Millionen Juden / unter einem Kreuzeszeichen.

 

Logo der Deutschen Christen (1933)

 

Der Jünger Judas bekommt von den Hohepriestern (gekennzeichnet durch die spitzen Judenhüte) den Lohn für seinen Verrat ausgezahlt. (Am Naumburger Dom von 1250)

 

Darstellung des vermeintlichen Ritualmordes an dem dreijährigen Simon van Trente, Deutschland, 1493

Titelblatt von Martin Luthers Schrift

 

„Von den Juden und ihren Lügen", 1543

 

Judentaufe aus der Sicht des NS – Karikaturisten Fips im „Stürmer“ - Juni 1935: Naß werd mer, katholisch werd mer, aber mer bleibt ä Jud“

Zeitgenössische Darstellung der angeblichen Durchstechung von zwei Hostien, wegen der die Juden 1492 zu Sternberg bezichtigt wurden. Die ungeheuerlichen Vorwürfe wurden mit der Druckerpresse in illustrierten Flugschriften massenweise verbreitet, aber auch auf Gemälden und Kirchenfenstern dargestellt.