Ursprünge des christl. Antisemitismus

Christlicher Antisemitismus in seiner geschichtlichen Entwicklung

Verantwortung für die Zukunft

 

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In zwei Arbeitsschritten werden die Ursprünge des christlichen Antisemitismus erarbeitet:

  1. Erstens wird aufgezeigt, wie Juden und Christen im römischen Reich in ähnlicher Weise als Minderheiten unterdrückt wurden. Das führte zu einer gewissen Rivalität.
  2. Zweitens wird an Hand von zwei Stellen aus der griechischen Bibel demonstriert, wie sich der frühchristliche Antisemitismus gezeigt.Die Bibel wurde als Instrument missbraucht, um die jüdischen Mitbürger zu diskriminieren.

 

Ursprünge des jüdisch christlichen Gegeneinanders

 

während der Zeit der gemeinsamen Unterdrückung durch Rom

 

 

Jesus und seine ersten Anhänger waren Juden. Erst im Laufe einer Entwicklung von drei Generationen kam es zu einer deutlichen Spaltung von Christen und Juden. Dazu, dass aus der anfänglichen bloßen Auseinanderentwicklung zweier Religionsgemeinschaften mit unterschiedlichen Bekenntnissen allmählich immer stärkere Antipathie, sogar Hass entstehen konnten, trugen theologische, politische und soziologische Gründe bei.

 

a) Im theologischen Bereich spielte schon sehr früh das zentrale Glaubensbekenntnis der Christenheit »Jesus von Nazareth ist Christus« eine wesentliche Rolle. Später nahm auch die Auseinandersetzung um das erste Gebot eine bedeutsame Stellung ein. Für viele Juden war die (durch den Hellenismus, der griechischen Philosophie, beeinflusste) starke Betonung der Göttlichkeit Jesu, den sie ja als historische Gestalt erlebt hatten, ein klarer Verstoß gegen Ihr Glaubensbekenntnis und das erste Gebot (vgl. Exodus 20,2-17). - Die theologische Vorstellung von der Trinität (Dreieinigkeit von Vater, Sohn und Heiliger Geist) wie auch die gesamte Christologie (Gleichzeitigkeit von Jesu Gottsein und Menschsein) sind bis auf den heutigen Tag zwischen Juden und Christen Diskussionspunkte geblieben; bilden diese Inhalte doch deutliche Glaubensunterschiede beider Religionen.

 

b) Die besondere Problematik der Lage der Juden zur Zeit Jesu zeigt sich bereits in der politischen Situation; die Juden litten sehr unter der Fremdherrschaft der Römer. Immer wieder unternahmen sie Aufstände gegen die Römer. Hier stieß das römische Reich im Laufe der Zeit auf die Grenze seiner Integrationsfähigkeit gegenüber den Juden. Dabei kam es 70 n. Chr. zur Eroberung und Zerstörung Jerusalems durch Kaiser Titus. Nach den Bar – Kochba - Aufständen (132-135 n. Chr.) verbot Kaiser Hadrian den Juden den Zugang nach Jerusalem und besiedelte die Stadt als römische Kolonie. Aus dieser Zeit schon datiert die Zerstreuung der Juden in alle Welt und Ihr Zuzug ins Abendland, das sich - nach der Entscheidung Kaiser Konstantins und seiner Nachfolger im 4. Jahrhundert - christlich und zugleich antijüdisch orientierte.

 

c) Um den komplexen Tatbestand wirklich zu verstehen, bedarf es noch der soziologischen Erklärung. Wie oben dargestellt, waren die Juden - trotz ihres Status als religio licata (erlaubte Religion) - während der römischen Fremdherrschaft und auch später eine gefährdete Minderheit. In derselben Situation waren auch die Christen. Ihnen fehlten jedoch die lange Tradition und die Zusammengehörigkeit eines Volkes. Deshalb wurden sie gesellschaftlich noch weniger toleriert als die Juden und fühlten sich der hellenistisch - römischen Umgebung hilflos ausgeliefert. Ihre dadurch entstehende Aggression richtete sich u. a. gegen die andere gefährdete Minderheit, die Juden.

 

Aufgabe: Stelle die Inhalte des obigen Textes systematisch gegliedert in der Form einer „mindmap“ dar! Das Arbeitsblatt „mindmap“ kann Dir helfen. Ergänze die Vorlage, wo es nötig ist!

 

 

 

 

 

Über den Missbrauch der Bibel,

um die jüdischen Mitbürger als Feinde zu kennzeichnen

 

Schon immer und sogar noch heutzutage werden die Religionen dafür benutzt, um den eigenen Standpunkt für gut und richtig zu erklären. Toleranz und Respekt gegenüber fremden, anders gläubigen Menschen und Positionen gehen dabei immer wieder verloren. Die Darstellung der Synagoge und der Ecclesia am Straßburger Münster sind hierfür ein gutes Beispiel.

 

Diese missbräuchliche Tendenz reicht sogar bis in die heiligen Schriften der Religionen. Sowohl in der Bibel als auch im Koran oder in der Tora werden fremde Menschengruppen, die die eigene, religiöse Gemeinschaft bedrohen, negativ und als Verursacher der persönlichen Not dargestellt. Der Andere wird zum Feind des eigenen Glaubens und damit zum Gottlosen, der bekämpft werden muss.

 

Übrigens: diese Einsicht ist eine wichtige Sichtweise auf Religionen und deren heilige Bücher. Zugleich enthalten heilige Schriften aber auch wertvolle, gute und Toleranz fördernde Gedanken. Und auch die Religionen können Frieden stiften, wenn sie verantwortungsvoll gelebt und nicht missbraucht werden.

 

Die beiden folgenden Texte aus der Passionsgeschichte des Matthäus Evangeliums müssen in diesem Zusammenhang besonders kritisch gelesen werden, da gerade mit ihnen in den vergangenen 2000 Jahren immer wieder antisemitische Vorurteile erzeugt und gestützt worden sind.

 

 

1. Matthäus 27, 15-26

 

15 Es war üblich, dass der römische Statthalter zum Passafest einen Gefangenen begnadigte, den das Volk bestimmen durfte. 16 Damals gab es einen berüchtigten Gefangenen, der Jesus Barabbas hieß. 17 Als nun die Volksmenge versammelt war, fragte Pilatus: »Wen soll ich Euch freigeben: Jesus Barabbas oder Jesus, der Christus genannt wird? ...

 

Hans Multscher: Christus vor Pilatus, Panel aus dem Wurzacher Altar von 1437

20 Inzwischen hatten die führenden Priester und die Ratsältesten das Volk überredet, es solle für Barabbas die Freilassung und für Jesus den Tod verlangen. 21 Der Statthalter fragte noch einmal: »Wen von den beiden soll ich Euch herausgeben?« »Barabbas!«, schrien sie. 22 »Und was soll ich mit Jesus machen, eurem so genannten Retter?«, fragte Pilatus weiter. »Kreuzigen!«, riefen alle. 23 »Was hat er denn verbrochen?«, fragte Pilatus. Aber sie schrien noch lauter: »Kreuzigen!«

24 Als Pilatus merkte, dass seine Worte nichts ausrichteten und die Erregung der Menge nur noch größer wurde, nahm er Wasser und wusch sich vor allen Leuten die Hände. Dabei sagte er: »Ich habe keine Schuld am Tod dieses Mannes. Das habt Ihr zu verantworten!« 25 Das ganze Volk schrie: »Wenn er unschuldig ist, dann komme die Strafe für seinen Tod auf uns und unsere Kinder!« 26 Da ließ Pilatus ihnen Barabbas frei und gab den Befehl, Jesus mit der Geißel auszupeitschen und zu kreuzigen.

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Diese Szene aus dem Prozess gegen Jesus ist ungefähr 50 Jahre nach dem Ereignis so aufgeschrieben worden. Für diesen Text gilt -- wie für alle Texte über das Leben Jesu, dass die erzählten Inhalte nicht als Tatsachen oder gar als Augenzeugenberichte angesehen werden dürfen. Die Autoren der Evangelien wollten mit ihren Erzählungen predigen. Dafür benutzten sie die ihnen überlieferten Erzählungen, die es in den neu entstandenen Jesus - Gemeinden gab.

 

Für das Matthäus - Evangelium gilt insgesamt, dass dort immer wieder negative Urteile über den jüdischen Glauben zu finden sind. Die Gemeinde des Matthäus lebte in einer jüdischen Umwelt und musste sich dort auch gegen jüdische Angriffe behaupten. So sind die negativen Aussagen über Juden als Gegenwehr einzuordnen. Sie müssen kritisch hinterfragt werden.

 

Zu unserem Text: Es ist Matthäus, der dem jüdischen Volk den Ausruf in den Mund legt »Wenn er unschuldig ist, dann komme die Strafe für seinen Tod auf uns und unsere Kinder!« Weder im Lukas-, noch im Markus-, noch im Johannes - Evangelium wird dies berichtet.

 

Aufgabe: Kreise deine persönliche Meinung deutlich sichtbar ein!

 

So wie ich die aus dem Zusammenhang gerissene Bibelstelle jetzt verstehe,

  • wird hier etwas erzählt, was tatsächlich so geschehen ist. Das Volk Israel ist also schuld am Tode Jesu. – Auch heute noch.
  • wird hier etwas erzählt, was Matthäus in der Gegenwehr gegen jüdische Angriffe so formuliert hat. Wie der Prozess gegen Jesus tatsächlich verlaufen ist, ist in den Einzelheiten unbekannt. Wer für das ungerechte Todesurteil verantwortlich ist, kann allein mit diesem Text nicht beantwortet werden.
  • wird hier überhaupt nichts erzählt, was für das Zusammenleben von Christen und Juden heutzutage wichtig wäre.

 

 

 

 

 

 

2. Matthäus 26, 14 - 27, 6 in Auszügen

 

14 Darauf ging Judas Iskariot, einer aus dem Kreis der Zwölf, zu den führenden Priestern 15 und sagte: »Was gebt Ihr mir, wenn ich ihn Euch in die Hände spiele?« Sie zahlten ihm dreißig Silberstücke. 16 Von da an suchte Judas eine günstige Gelegenheit, Jesus zu verraten. ...

47 Noch während Jesus das sagte, kam Judas, einer der Zwölf, mit einem großen Trupp von Männern, die mit Schwertern und Knüppeln bewaffnet waren. Sie waren von den führenden Priestern und den Ältesten des Volkes geschickt worden. 48 Der Verräter hatte mit ihnen ein Erkennungszeichen ausgemacht: »Wem ich einen Begrüßungskuss gebe, der ist es. Den nehmt fest!« 49 Judas ging sogleich auf Jesus zu und sagte: »Sei gegrüßt, Rabbi!«, und er küsste ihn so, dass alle es sehen konnten. 50 Jesus sagte zu ihm: »Freund, komm zur Sache!« Darauf traten die Bewaffneten heran, packten Jesus und nahmen ihn fest. ...

27, 3 Als der Verräter Judas erfuhr, dass Jesus hingerichtet werden sollte, packte ihn die Reue und er brachte die dreißig Silberstücke zu den führenden Priestern und den Ratsältesten zurück. 4 Er sagte zu ihnen: »Ich habe eine schwere Schuld auf mich geladen; ein Unschuldiger wird getötet und ich habe ihn verraten.« »Was geht das uns an?«, antworteten sie. »Das ist deine Angelegenheit!« 5 Da warf Judas das Geld in den Tempel, lief fort und erhängte sich. 6 Die führenden Priester nahmen das Geld an sich und sagten: »An diesem Geld klebt Blut; es ist nach dem Gesetz verboten, solches Geld in den Tempelschatz zu tun.«

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Für diesen zweiten Text aus dem Matthäus Evangelium gilt natürlich auch das bereits oben zu diesem Evangelium Gesagte. Sinnvoll zusätzlich zu wissen ist folgendes: Judas ist einer der zwölf Jünger Jesu. Der Name Judas ist ein häufiger Vorname für jüdische Jungen. So gab es unter den anderen 11 Jüngern noch einen weiteren Judas, mit dem Beinamen Thaddäus. Übrigens: Alle Jünger Jesu und auch Jesus selbst waren Juden.

 

Aufgabe: Kreise deine persönliche Meinung deutlich sichtbar ein!

 

So wie ich die aus dem Zusammenhang gerissene Bibelstelle jetzt verstehe,

  • wird hier ausgesagt, dass (fast) alle Juden geldgierig sind und untreue Verräter. Christen sollten den Umgang mit ihnen vermeiden.
  • wird hier ausgesagt, dass auf 11 von 12 Juden Verlass ist.
  • wird hier gar nichts über jüdische Menschen im Allgemeinen gesagt. Es geht um einen einzelnen Menschen aus dem Freundeskreis Jesu.